Beth Denisch – Composer

Warum ich „All of Us“ geschrieben habe

Dieses Projekt entstand aus dem Wunsch heraus, meiner Community etwas zurückzugeben, indem ich mit Orchestern, die sich als LGBTQ+ identifizieren, zusammenarbeitete, um „All of Us“ zu gestalten und zum Leben zu erwecken. Ich bin diesen Ensembles zutiefst dankbar dafür, dass sie diese Vision aufgegriffen haben, und bin froh um den außergewöhnlichen Reichtum, die Widerstandsfähigkeit und die Vielfalt der queeren Community, die mich dabei immer wieder inspiriert.

Als ich der ASCAP (American Society of Composers, Authors, and Publishers) beitrat, gab mir die ASCAP-Direktorin und meine Mentorin Frances Richard einen Rat mit auf den Weg, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: „Das Persönliche ist das Berufliche.“ Es dauerte Jahre, bis ich vollständig verstand, was sie damit meinte. Als Künstlerin ist die Musik, die ich schaffe, untrennbar damit verbunden, wer ich bin und woran ich glaube. Meine Arbeit spiegelt meine Werte, meine Erfahrungen und die Welt wider, zu deren Gestaltung ich beitragen möchte

In einer Zeit, in der anti-LGBTQ+-Rhetorik und -Gesetzgebung weiterhin so viele Leben beeinträchtigen, fühle ich eine tiefe Verantwortung, meine Musik zu nutzen, um eine einfache, aber wesentliche Wahrheit zu bekräftigen: LGBTQ+-Menschen sind Teil jeder Gemeinschaft und bereichern unsere Nachbarschaften, unsere Kulturen und unsere gemeinsame Menschlichkeit. Wir haben schon immer mit Kreativität, Mitgefühl, Mut und Führungsstärke zur Gesellschaft beigetragen, und das tun wir auch heute noch. Ich glaube, dass Kunst die Kraft hat, Empathie zu fördern, Verbindungen zu schaffen und uns an unsere gemeinsame Menschlichkeit zu erinnern. Wie das Sprichwort sagt: Keiner von uns ist wirklich frei, bis wir alle frei sind.

Diese Überzeugung veranlasste mich, eine einfache Frage zu stellen: Wie kann ich dies durch Musik zum Ausdruck bringen? Um dieses Projekt zum Leben zu erwecken, waren Ensembles erforderlich, die stolz zu ihrer LGBTQ+-Identität stehen, und die Nutzung der enormen Klangfülle eines Orchesters welche die Wirkung dieser Botschaft maximieren. Meine Suche begann bei meiner Freundin Liane Curtis, die bei der Bay Area Rainbow Symphony aktiv ist, und sie stellte mich Mary Ellen Kitchens vor, der Dirigentin des Münchner Rainbow Sound Orchestra. Mary Ellen stellte mir großzügig Kontakte zu LGBTQ+-Orchestern in ganz Europa und den Vereinigten Staaten zur Verfügung und öffnete damit die Tür zu einer Zusammenarbeit, die sich als außergewöhnlich erweisen sollte.

Als ich mich zum ersten Mal an sie wandte, hatte ich keine Ahnung, ob überhaupt jemand reagieren würde. Ich suchte nicht einfach nur nach Auftraggebern, sondern nach künstlerischen Partnern, die an dieselbe Vision glaubten. Es erforderte Geduld und Ausdauer, aber ich hatte das Glück, fünf Orchester zu finden, die das Projekt begeistert aufnahmen. Gemeinsam vereinbarten sie, „All of Us“ gemeinsam in Auftrag zu geben und die Uraufführungen im Rahmen ihrer Konzertsaisons 2026–2027 zu präsentieren.

„All of Us“ ist eine Suite in fünf Sätzen, wobei jeder Satz einem der teilnehmenden Orchester gewidmet ist und eine von diesem Ensemble ausgewählte visionäre LGBTQ+-Persönlichkeit ehrt. Auf diese Weise präsentiert jedes Orchester das Werk als Uraufführung innerhalb seiner eigenen Gemeinschaft und würdigt damit sowohl seine lokale Geschichte als auch seinen Platz in einer größeren, miteinander verflochtenen Geschichte. Ich hoffe, dass „All of Us“ als Feier der Zugehörigkeit und Sichtbarkeit dient und als Zeugnis für die bleibenden Beiträge von LGBTQ+-Menschen über Generationen hinweg steht.

Beth Denisch, Juni 2026 Translator: Anette Bauer

Die Teilnehmenden Orchester und Ihre Visionären Persönlichkeiten

1. The Minnesota Philharmonic Orchestra (Minneapolis, USA) Die Premiere: 21. November 2026 Das Orchester: Das erste LGBTQIA+-Orchester in den USA. Die Persönlichkeit: Jean-Nickolaus Tretter (1946–2022), ein Basisaktivist, der sich sein ganzes Leben lang für den Erhalt und die Förderung der LGBTQ+-Rechte einsetzte. Er schuf das größte Archiv zur LGBTQ+-Geschichte im Mittleren Westen (USA), das heute in den Sonderbeständen der University of Minnesota untergebracht ist. Tretter war der Überzeugung, dass schwule und lesbische Menschen ein sicheres und positives Leben offen zu ihrer Sexualität führen können, egal ob in einer Großstadt oder auf dem Land, und er setzte sich sein ganzes Leben lang dafür ein, dies zu verwirklichen.

2. Rainbow Symphony Cologne (Köln, Deutschland) Die Premiere: 12. Juli 2026 | Dirigiert von Georg Razumovskij Die Persönlichkeit: Steve Nobles (b. 1957), ein Pianist, Komponist und ausgezeichneter Netzwerker, dessen Einfluss Jahrzehnte und Kontinente überspannt. Seit den Anfängen der europäischen LGBTQ+-Chorbewegung ist er eine treibende Kraft. Nobles war 2014 künstlerischer Leiter des „Various Voices“-Festivals in Dublin und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Rainbow Symphony Cologne, die 2010 als europäischer Begleitverband zu den VIII. Gay Games ins Leben gerufen wurde.

3. Rainbow Symphony Orchestra Paris (Paris, Frankreich) Die Premiere: 6.–7. Februar 2026 | Dirigiert von John Dawkins Die Persönlichkeit: Monique Wittig (1935–2003), eine brillante Wissenschaftlerin, Romanautorin und Essayistin. Ihr Debütroman „L’Opoponax“ (1964) wurde mit dem renommierten französischen Literaturpreis, dem Prix Médicis, ausgezeichnet. Wittigs bahnbrechendes Werk „Les Guérillères“ (1969) gilt als wegweisender, revolutionärer Text des lesbischen Feminismus. Ihre Schriften sind ein Weckruf für die Gleichstellung der Geschlechter, und ihre kraftvolle Stimme sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Romanautorin ist nach wie vor zutiefst inspirierend. Paris widmete ihr offiziell den „Jardin Monique-Wittig“, eine öffentliche Grünanlage am Boulevard Brune 3 im 14. Arrondissement, zu ihrem Gedenken.

4. Rainbow Sound Orchestra Munich (München, Deutschland) Die Premiere: 24. Oktober 2026 | Dirigiert von Mary Ellen Kitchens Die Persönlichkeit: Micky Wenngatz (*1960). Mit unerschütterlichem Engagement als Basisaktivistin und führende Vertreterin der SPD-Frauenbewegung setzt sie sich vehement für die Rechte von Migranten, Frauen, Kindern und der LGBTQ+-Gemeinschaft ein. Wenngatz’ organisatorisches Geschick zeigte sich eindrucksvoll bei der Veranstaltung „München ist bunt“ im Februar 2024, bei der sie gemeinsam mit 200 Organisationen eine Demonstration organisierte, die ein überwältigender Erfolg war und an der über 300 000 Menschen teilnahmen.

5. Birmingham Gay Symphony Orchestra (Birmingham, Vereinigtes Königreich) Die Premiere: 3. April 2027 | Dirigiert von Neavan Lobban Die Persönlichkeit: Alan Turing (1912–1954), ein brillanter Universalgelehrter – Mathematiker, Informatiker, Logiker und Kryptanalytiker –, dessen Arbeit zur Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes während des Zweiten Weltkriegs entscheidend dazu beitrug, einen Sieg der Nazis zu verhindern. Wie der Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter feststellte: „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass wir Alan Turing viel zu verdanken haben, dass wir heute nicht unter der Herrschaft der Nationalsozialisten leben.“ Trotz seiner weltverändernden Beiträge wurde Turing auf tragische Weise wegen seiner Homosexualität verfolgt, die zu seinen Lebzeiten illegal war, und die daraus resultierende Strafverfolgung führte letztendlich zu seinem Selbstmord.

„All of Us“ schafft einen lebendigen Dialog zwischen Musik und Aktivismus, indem es diese fünf LGBTQ+-Helden würdigt, die zu einer besseren Welt für uns alle beigetragen haben und dies auch weiterhin tun. Von Basisaktivisten bis hin zu internationalen Legenden – diese visionären Persönlichkeiten stehen für den Mut und die Widerstandsfähigkeit unserer Gemeinschaft. Mit dieser Musik feiern wir ihr Vermächtnis und das universelle Engagement für die Freiheit und Gleichberechtigung, die wir alle anstreben.